100. Geburtstag von Herbert Tichy

Herbert Tichy, Jahrgang 1912, war Schriftsteller, Photograph, Journalist, Reisender und Wanderer und Philosoph. Ihm gelang 1954 gemeinsam mit Sepp Jöchler und Pasang Dawa Lama die Erstbesteigung des Cho Oyu, dem mit 8.201 Metern sechshöchsten Berg der Erde und er brachte mit seinen ungezählten Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln und seinen mehr als 25 Büchern seine Erfahrungen mit fremden Kulturen zu jenen, die daheim blieben, als Reisen noch ein Privileg von Wenigen war.

Herbert Tichy – angekommen bei sich selbst

Journalist, Bergsteiger und Philosoph
1. 6. 1912 – 26. 9. 1987

Bergfreunden ist Herbert Tichy vor allem durch seine erfolgreiche Expedition zum Cho Oyu ein Begriff. Herbert Tichy, Sepp Jöchler und Pasang Dawa Lama standen am 19. Oktober 1954 als erste am Gipfel des mit 8201 Metern sechsthöchsten Berges der Welt. Die Art, wie Tichy dies gelang, war bezeichnend für den bescheidenen, selbstironischen Philosophen unter den Reisenden: Mit geringsten technischen Mitteln und in Harmonie mit den Menschen und der Landschaft. Als „Alpinstil“ im Gegensatz zu den hochgerüsteten Monsterexpeditionen ist diese Art des Bergsteigens in die Geschichte eingegangen, hat viele Nachahmer und noch mehr begeisterte Befürworter gefunden. Am 1. Juni dieses Jahres wäre Herbert Tichy 100 Jahre alt geworden. Zu seinem Geburtstag findet in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien eine Festveranstaltung des Vereins „Menschenwege – Götterberge“ statt und der Tyrolia Verlag präsentiert ein Buch mit einer Tichy-Biographie und Erinnerungen von Freunden und Weggefährten sowie vielen bisher unveröffentlichten Photos.

Reiselust und Fernweh packte Tichy schon als Jugendlichen und nach einer ersten Fahrt nach der Matura in die Türkei ist der Weg nach Asien und in die Bergwelt für ihn entschieden. Bei dieser ersten größeren Reise besteigt er auch seinen ersten asiatischen Berggipfel, den 2.500 Meter hohen mystischen Olymp oder Ulu Dag, der ihm den Blick auf die phantastische Hochgebirgslandschaft eröffnet und eine Sehnsucht nach der Nähe des Himmels weckt, die er zeitlebens behält. Legendär ist Tichys Motorradfahrt als Beifahrer von Max Reisch nach Indien 1933, ebenso wie seine Umrundung des heiligen Berges der Hindus und Buddhisten, des Kailash in Tibet, verkleidet als indischer Pilger 1935, die erste Querung Westnepals durch einen Europäer 1953 und schließlich gemeinsam mit dem Tiroler Sepp Jöchler und dem Sherpa Pasang Dawa Lama die Erstbesteigung des Cho Oyu, 1954.

Seine viermonatige Reise durch Nepal 1953 ist ein typisches Herbert Tichy-Abenteuer: Keine spektakulären Ereignisse, sondern das bewusste Erleben kleiner Besonderheiten und Krisen und vor allem die liebevolle und ironische Sicht auf Kuriositäten. Er stellt daher in dem Buch, das er über seine Reise schreibt, „Land der namenlosen Berge“ die „Warnung“ voran: „Ich habe keine sensationellen Geschichten zu erzählen. Wir haben zwar mit äußerst geringen Mitteln drei Sechstausender und zwei Fünftausender erstbestiegen; ich war zwar der erste Weiße, der das gesamte Westnepal durchquerte, und wir lebten wochenlang in Gebieten, die noch kein Europäer betreten hat, aber diese alpinen oder geographischen Tatsachen treten zurück vor der Erinnerung an Augenblicke eines tiefen Glücks: der erste Anblick des Dhaulagiri von Norden; der brennende Sonnenuntergang am Fuße des Sisne Himal, der das gelbe, trockene Wintergras in eine einzige Flamme verwandelte, Pasangs Händedruck zum Abschied und sein schamhaft gemurmeltes: ‚You come again – now we friends; komm wieder – jetzt sind wir Freunde.“ Oder auch: Rummy spielen mit dem freundlichen Polizisten Malik und einen gefährlichen Streit zwischen zwei Gruppen eines Dorfes schlichten.

Schließlich resümiert er auch seine Beweggründe für diese Reise und die sind sehr eng mit den Bergen verknüpft, auch wenn er sich ja nicht als klassischen Bergsteiger sah: „Es gibt, so möchte ich glauben, ein paar Dinge auf dieser Welt, die vollkommen und nicht zu überbieten sind, die in Form, Klang oder Geistigkeit etwas Endgültiges darstellen: etwa eine Statue aus dem alten Griechenland, eine Symphonie von Beethoven, ein Satz aus der Bergpredigt. Ebenso vollkommen und endgültig sind manche Berge. Wenn man demütig ist und dieses Einmalige offenen Sinnes auf sich wirken lässt, fühlt man den großartigen Hauch des Jenseitigen, das dann keine Schrecken und dunklen Geheimnisse mehr birgt, sondern nur ein strahlendes Glück, das wir im weitesten Sinne vielleicht Gott nennen dürfen. Der Wunsch nach diesem Erlebnis mag manchen unvorsichtigen Schritt, der das Leben gefährdet, verzeihlich machen.“

Und noch etwas bewirkt diese ungewöhnliche Reise: Pasang, der Sirdar der kleinen Sherpa-Gruppe, schlägt dem nun als Freund akzeptierten Herbert Tichy vor wiederzukommen – und einen hohen Berg zu besteigen. Den Cho Oyu – „a mountain, can do.“

Mit dem jungen Geographen und bergsteigerisch solide erfahrenen Helmut Heuberger und dem Vollblutbergsteiger Sepp Jöchler, der mit Hermann Buhl die Eiger Nordwand unter schwierigsten Umständen durchstiegen hatte und mit Ernst Senn die Matterhorn-Nordwand, findet Tichy zwei Partner, die die ideale Ergänzung bilden. Das zeigt sich letztlich bei den schwierigen Phasen der Expedition, als Tichy in einem schweren Sturm eim Versuch das Zelt zu retten mit bloßen Händen in den Schnee greift und sich dabei die Finger erfriert. Dennoch gelingt das Unternehmen und aus der Kameradschaft wird eine tiefe lebenslange Freundschaft. Allen Warnrufen zum Trotz, hat die geringe Ausstattung der Expedition ausgereicht, und wird aufgrund des Erfolgs nun als zukunftsweisend gepriesen. So erzählt Tichy später: „Als wir vom Gipfel zurückkamen, schrieben Zeitungen, wir hätten das Himalaya-Bergsteigen revolutioniert und die Zeit der Mammutexpeditionen gehe zu Ende.“

Seine insgesamt sieben Jahre in China von 1941 bis 1948, zunächst als Korrespondent für verschiedene deutsche Zeitungen und schließlich hängengeblieben weil das Geld für die Rückreise nicht ausreichte, boten Tichy tiefe Einblicke in die asiatische Philosophie und unter vielen anderen Erfahrungen, die Begegnung mit dem französischen Jesuitenpater und Paläontologen Pierre Teilhard de Chardin. Im Laufe seines Lebens entwickelt Herbert Tichy eine eigene Dynamik des daheim Seins und Reisens, die sich versucht an der chinesischen Philosophie zu orientieren – so lange ihm das gelingt. „Gewöhnlich warte ich, ehe ich eine Reise antrete, bis meine Unruhe zu groß wird. Denn grundsätzlich bin ich ja überhaupt gegen das Unterwegssein.“ Da wohnten freilich zwei sehr unterschiedliche Seelen in Tichys Brust und er gestand auch ein, dass er sich schämte, wenn er wieder aufbrach. „Aber ich schäme mich nicht genug, es nicht zu tun.“ So reist er mehrmals nach Indien, nach Ostasien aber auch nach Afrika. Seine letzte große Reise führte ihn 1982 wieder nach Nepal, wo er die meiste Zeit bei dem österreichischen Architekten und Filmemacher Götz Hagmüller verbrachte und dort die Gedanken für sein letztes Buch „Was ich von Asien gelernt habe“ sammelt.

Ein Manuskript, das er in Bearbeitung hatte und „Asiatisches Tagebuch“ heißen sollte, wurde nicht mehr vollendet. Er verstarb im Wiener Wilhelminenspital wenige Monate nach seinem 75. Geburtstag am 26. September 1987 und ist in der Familiengruft am Waldfriedhof Kaltenleutgeben begraben. Er habe, so erzählte Herbert Tichy einer Historikerin, die ihre Dissertation über ihn schrieb, „ein restlos zufriedenes Leben“ geführt.

Festveranstaltung

Termin: 1. Juni 2012, abends.
Ort: Festsaal Österreichische Akademie der Wissenschaft
Ehrenschutz: Bundespräsident Dr. Heinz Fischer


Programm:
Wolfgang Nairz: Tichy und sein Verständnis des Alpinismus
• Kurt Luger: Tichy und Ökologie im Himalaya – damals und heute
• Herwig Frisch: Ein Streifzug durch Herbert Tichys insgesamt 26 Bücher
• Hans-Jürgen Tempelmayr: Herbert Tichy als Vermittler der asiatischen Länder im Westen (Kultur, Ethnologie, Natur)
• Kurzfilm: Herbert Tichy – Dokumente aus dem ORF-Archiv – Schnitt: Lutz Maurer
• Buchpräsentation: Herbert Tichy – Das Leben als Reisender

Im Anschluss: Umtrunk mit tibetischem Tschang
Veranstalter: Verein „Menschenwege – Götterberge
Informationen: www.herbert-tichy.at

Um Anmeldung wird gebeten, da die Platzzahl begrenzt ist. Per E-Mail unter goetterberge@hotmail.com oder per Telefon/Fax an 01/522 72 43

Mit freundlicher Unterstützung der MA 7, Kulturamt der Stadt Wien – Wissenschafts- und Forschungsförderung

Bücher in der Edition Sonnenaufgang & im Tyrolia Verlag sind in der Buchhandlung freytag & berndt, Kohlmarkt 9, 1010 Wien oder im Webshop unter www.freytagberndt.at erhältlich: